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Die Protein Lüge – Warum Proteine wichtig sind, aber nicht die Antwort auf alles!

Aktualisiert: 19. Sept. 2025


Proteine! Wer sich mit Sport und Ernährung beschäftigt kommt nicht an Proteinen vorbei. Ob in den Medien, durch Influencer oder im Supermarkt, alle scheinen uns sagen zu wollen, dass Proteine das aller wichtigste sind. Was früher eine Randerscheinung bei Spitzensportler:Innen und Bodybuildern war, ist heute in der Mitte der Gesellschaft. Proteine werden als das Allheilmittel beworben, ob für Muskelaufbau, Sättigung, Gewichtsverlust oder allgemeine Vitalität. Die mediale Darstellung hat wesentlich zur Verbreitung des Protein-Hypes beigetragen. Das Internet und die sozialen Medien sind voll von Informationen, die unterschiedlichste Versprechen machen. Dieser Diskurs, der sich vom Nischenthema zum Mainstream-Narrativ entwickelt hat, simplifiziert die Botschaft auf "Protein ist gut", was leicht zu einer einseitigen Ernährung führen kann, die andere wichtige Nährstoffe vernachlässigt. Am Ende steht der Verbrauch/ die Verbraucherin, irritiert und überfordert oder enttäuscht von ausbleibenden Effekten.  

Ein entscheidender Faktor für diesen Trend ist das Influencer-Marketing. Plattformen wie Instagram und TikTok, auf denen Fitness- und Lifestyle-Influencer in bezahlten Partnerschaften mit Marken nicht nur Produkte, sondern eine ganze Ästhetik des Hypes verkaufen. Ihre Inhalte, die oft intensive Trainingsroutinen und perfekt definierte Körper zeigen, schaffen eine unmittelbare visuelle Verbindung zwischen Proteinkonsum und einem erstrebenswerten Lebensstil.

Gleichzeitig arbeitet die Lebensmittelindustrie auf Hochtouren, um diesen Trend zu bedienen. Unternehmen entwickeln innovative Protein-Inhaltsstoffe. Diese neuen Zutaten ermöglichen es, Alltagslebensmittel, von Backwaren bis hin zu Fleischalternativen, mit Protein anzureichern und sie mit Schlagwörtern wie "nachhaltig" und "clean label" zu vermarkten. Das Ergebnis ist eine nahezu unübersichtliche Vielfalt an "High-Protein"-Produkten, die den Konsument:innen das Gefühl vermittelt, Protein sei ein unverzichtbarer Zusatz, selbst wenn der eigentliche Bedarf nicht erhöht ist. Diese Dynamik, bei der ein ganzes Ökosystem – von der Medienberichterstattung über Influencer bis hin zu den Lebensmittelunternehmen – einen Markt für eine Überbetonung von Protein schafft, ist das Herzstück der "Protein Lüge". Sie besteht nicht darin, dass Protein unwichtig wäre, sondern in der Illusion, eine übersteigerte Fokussierung darauf sei für jeden notwendig.


Welche Mythen gibt es?

Durch persönliche Überzeugungen, falsch Interpretationen der Wissenschaft, aber auch Interessenskonflikte, haben sich einige hartnäckige Mythen rund um das Thema Protein gebildet, die sich als Tatsachen etabliert haben. Zu den am weitesten verbreiteten Mythen gehören:


Mythos 1: Das kurze "anabole Fenster"

Diese Behauptung besagt, dass unmittelbar nach dem Training (oft innerhalb von 30 Minuten) Protein konsumiert werden muss, um das Muskelwachstum zu maximieren. Andernfalls sei die Trainingseinheit "verschwendet".


Mythos 2: Mehr Protein bedeutet mehr Muskeln

Dieser Irrglaube suggeriert, dass eine Steigerung der Proteinzufuhr allein, unabhängig von körperlicher Aktivität, zwangsläufig zu einem Zuwachs an Muskelmasse führt.


Mythos 3: Hoher Proteinkonsum schädigt die Nieren

Diese Befürchtung hält sich hartnäckig und postuliert, dass eine proteinreiche Ernährung die Nieren langfristig überlastet und schädigt.


Mythos 4: Pflanzliches Protein ist minderwertig

Hierbei wird die Annahme vertreten, dass tierisches Protein aufgrund seiner "vollständigen" Aminosäurenprofile pflanzlichem Protein grundsätzlich überlegen ist und dieses unwirksam für den Muskelaufbau sei.


Mythos 5: Man kann nur ~20–30 g Protein pro Mahlzeit aufnehmen

Dieser Mythos entstand aus Studien, die zeigten, dass die muskelproteinsynthetische Antwort bei jungen Erwachsenen ungefähr bei 20–40 g Protein pro Mahlzeit eine Sättigung erreicht.


Mythos 6: Protein macht dick / wird direkt in Fett umgewandelt

Die Verwechslung kommt daher, dass Kalorienüberschuss grundsätzlich zu Fettzunahme führt, unabhängig von der Quelle.


Mythos 7: Proteinpulver sind notwendig, um Muskeln aufzubauen

Dieser Irrtum wird von Marketing und der Sichtbarkeit von Sportlern mit Shakes genährt.


Mythos 8: Hohe Proteinzufuhr führt zu Dehydratation und Knochenabbau

Alte Beobachtungen zeigten erhöhte Harnstoff- und Kalziumausscheidung nach hohen Proteindosen, was zu Spekulationen über Dehydratation und Knochenschwund führte.


Mythos 9: Nur Whey/animalisches Protein enthält genug Leucin für Muskelaufbau

Whey enthält viel Leucin und wirkt schnell anabol, weshalb es oft hervorgehoben wird — daraus entstand die Verallgemeinerung.


Mythos 10: Übermäßiges Protein ist schädlich für die Leber

Weil die Leber Ammoniak entgiftet und Harnstoff bildet, wurde angenommen, sie werde durch viel Protein überlastet.


Diese Mythen sind keine zufälligen Gerüchte. Sie sind oft eine strategische Verzerrung wissenschaftlicher Informationen, bei der ein wahrer Kern (z. B. der erhöhte Erholungsbedarf nach dem Training) so stark übertrieben wird, dass er als vereinfachte, kommerziell nutzbare Botschaft verbreitet werden kann.

Behalten wir die Mythen im Hinterkopf. Zunächst möchte ich auf die Grundlagen von Proteinen näher eingehen, um im Anschluss die Mythen erneut aufzugreifen.


Was sind Proteine?

Proteine, auch als Eiweiße bekannt, sind lebensnotwendige Makronährstoffe. Sie sind die grundlegenden Bausteine von nahezu jedem Teil des Körpers. Sie sind in Muskeln, Knochen, Haut, Haaren und praktisch allen Geweben und Organen zu finden. Ihre Funktionen gehen weit über den bloßen Aufbau von Muskeln hinaus. Proteine sind entscheidend für den Aufbau und die Reparatur von Gewebe, die Funktion des Immunsystems (als Antikörper), den Transport und die Regulierung von Nährstoffen sowie die Rolle als Enzyme und Hormone, die zahlreiche Körperfunktionen steuern.

Anders als Kohlenhydrate oder Fette, die der Körper in Form von Glykogen oder Fettdepots speichern kann, gibt es keinen speziellen Speicher für Protein. Folglich muss der Körper kontinuierlich über die Nahrung mit Protein versorgt werden, um seine vitalen Funktionen aufrechtzuerhalten. Obwohl Kohlenhydrate und Fette die primären Energiequellen sind, kann der Körper Proteine bei Bedarf auch zur Energiegewinnung nutzen. Dies ist jedoch nicht ihre Hauptfunktion und gilt als ineffizient.


Was sind Aminosäuren?

Proteine sind komplexe, große Moleküle, die aus kleineren, miteinander verbundenen Einheiten, den Aminosäuren, aufgebaut sind. Man kann Proteine als komplexe Lego-Gebilde betrachten, deren individuelle Bausteine die Aminosäuren sind.

Es gibt über 500 natürliche Aminosäuren, aber für den menschlichen Körper sind vor allem 20 sogenannte proteinogene Aminosäuren von entscheidender Bedeutung. Diese lassen sich in zwei Kategorien einteilen:


  • Essentielle Aminosäuren: Der menschliche Körper kann acht bis neun dieser lebensnotwendigen Aminosäuren nicht selbst herstellen. Sie müssen daher zwingend über die Nahrung aufgenommen werden.

  • Nicht-essentielle Aminosäuren: Diese Aminosäuren kann der Körper bei ausreichender Stickstoffzufuhr und einem intakten Stoffwechsel selbst synthetisieren. Darüber hinaus gibt es semi-essentielle Aminosäuren, die der Körper zwar selbst bilden kann, aber unter bestimmten Umständen (z. B. im Wachstum oder bei Krankheit) möglicherweise nicht in ausreichender Menge.


Wofür braucht unser Körper Aminosäuren?

Die Bedeutung von Aminosäuren geht weit über ihre Rolle als Bausteine für Proteine hinaus. Sie sind an einer Vielzahl physiologischer Prozesse beteiligt:


  • Hormon- und Enzymproduktion: Aminosäuren dienen als Vorläufer für lebenswichtige Hormone und Enzyme, die Stoffwechselprozesse regulieren.

  • Steuerung der Neurotransmitter: Bestimmte Aminosäuren sind die Grundbausteine von Neurotransmittern, die für die Signalübertragung im Gehirn, die Stimmung und die Leistungsfähigkeit unerlässlich sind. So ist zum Beispiel Tryptophan eine Vorstufe für das Glückshormon Serotonin und das Schlafhormon Melatonin.

  • Stoffwechsel und Leistungsfähigkeit: Sie fördern Stoffwechselvorgänge und sind am Nährstofftransport beteiligt, was sich direkt auf die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit auswirkt. Ein Mangel an Aminosäuren kann Stimmungsschwankungen und Leistungseinbußen verursachen.

  • Immunsystem und Wundheilung: Aminosäuren sind grundlegend für die Bildung von Antikörpern und die Regeneration von Gewebe. Speziell L-Lysin und Threonin spielen eine wichtige Rolle bei der Wundheilung und der Aufrechterhaltung der Immunabwehr.

 

Wie werden Proteine/Aminosäuren verstoffwechselt?

Der Proteinstoffwechsel ist ein hochkomplexer, zyklischer Prozess, der die Aufnahme, den Abbau und den Neuaufbau von Proteinen regelt.

Die Verdauung beginnt im Magen, wo die Salzsäure die Proteine denaturiert und sie für Enzyme wie Pepsin aufschließt. Der Hauptort der Verdauung ist jedoch der Dünndarm, wo Enzyme wie Trypsin und Chymotrypsin die Proteine weiter in kleinere Einheiten, sogenannte Peptide, und schließlich in einzelne Aminosäuren zerlegen. Diese werden dann von den Zellen der Dünndarmwand aufgenommen und in den Blutkreislauf transportiert, von wo aus sie zu den verschiedenen Verbrauchsorten im Körper gelangen.

Der Körper ist ein Meister im Recycling. Es findet ein permanenter Auf- und Abbau von körpereigenen Proteinen statt.19 Von den täglich etwa 300 Gramm umgesetzten Proteinen stammen nur etwa 70 bis 80 Gramm aus der Nahrung, während der Großteil aus dem Abbau und der Wiederverwertung eigener Körperproteine stammt. Dieser beeindruckend effiziente Recycling-Prozess ist der Schlüssel zum Verständnis, warum der tägliche Bedarf an Proteinen bei Normalaktiven relativ gering ist.

Wenn mehr Protein zugeführt wird, als der Körper zum Aufbau von Gewebe und anderen vitalen Prozessen benötigt, können die überschüssigen Aminosäuren nicht gespeichert werden. Stattdessen werden sie "entstickstofft" (deaminiert) und ihre Kohlenstoffgerüste werden als Energiequelle genutzt oder in Glukose oder Fett umgewandelt und gespeichert. Dies widerlegt die weit verbreitete Annahme, dass eine unbegrenzte Proteinzufuhr automatisch zu mehr Muskelmasse führt.

Du willst noch tiefer einsteigen?

Verdauung und Aufnahme

Proteine sind vereinfacht räumliche Strukturen einer Aneinanderreihung von Aminosäuren. Die Hauptaufteilung erfolgt nach der Länge der Peptidkette, die aus Aminosäuren besteht. 


  • Oligopeptide: Dies sind kurze Peptidketten mit weniger als 10 Aminosäuren. 

  • Polypeptide: Dies sind längere Ketten, die aus etwa 10 bis 100 Aminosäuren bestehen. 

  • Proteine: Ketten mit mehr als 100 Aminosäuren werden als Proteine bezeichnet. Die Grenze zwischen Polypeptid und Protein ist jedoch nicht immer scharf definiert. 


Im Magen werden Proteine durch das Verdauungsenzym Pepsin in große Polypeptide gespalten. Im Dünndarm werden die großen Polypeptide dann durch die Pankreas-Proteasen in Oligopeptide, Di-/ Tripeptide und freie Aminosäuren zerlegt. Kleinere Peptide und Aminosäuren gelangen nun über die Schleimhäute des Darms in die Blutbahn, wo sie dann über die Pfortader in die Leber transportiert werden. Eine Speicherung der Aminosäuren im klassischen Sinn gibt es nicht. Körpereigene Proteine können jedoch im Hungerfall für die Energiebereitstellung genutzt werden und es gibt kleinere frei-zirkulierende Aminosäurepools.


Verteilung & kurzfristige Nutzung

Die Leber nutzt Aminosäuren (AS) zur Proteinsynthese, zur Bildung von Nukleotiden, Porphyrinen, zur Glukoneogenese (bei glucogenen AS) oder zur Ketogenese (bei ketogenen AS) sowie zur Energiegewinnung verwendet. Überschüssiger Stickstoff aus der Verstoffwechselung wird in der Leber über den Harnstoffzyklus zu Harnstoff entgiftet (Ausscheidung über Niere). Für den Muskelaufbau werden Proteine im Muskel aufgebaut. Diese können bei Bedarf (z.B. beim Fasten) als Aminosäuren wieder als Energie verstoffwechselt werden.


Warum Aminosäuren Energie liefern (und welche Kosten dabei entstehen)

Wenn Aminosäuren als Brennstoff genutzt werden, werden ihre Kohlenstoffgerüste im Citratzyklus oxidiert; dabei entstehen NADH und FADH₂, die in der Atmungskette zur Bildung von ATP führen. Allerdings kostet das Verwerten von Protein zusätzliche Energie: Die Umwandlung des anfallenden Ammoniaks in Harnstoff verbraucht etwa 4 ATP-Äquivalente pro Harnstoffmolekül, und die Neuproduktion von Glukose aus Aminosäuren (Gluconeogenese) benötigt ungefähr 6 ATP-Äquivalente, um aus zwei Pyruvatmolekülen eine Glukose herzustellen. Deshalb wird ein Teil der bei der Oxidation gewonnenen Energie sofort wieder für Entgiftung und Glukoseproduktion verwendet, sodass die Nettoenergie aus Proteinen geringer ausfällt.

Proteine im Hungersfall — hormonelle Steuerung & Reihenfolge der Nutzung

In den ersten 0–24 Stunden deckt der Körper den Bedarf vor allem durch die zuletzt aufgenommene Glukose, und anschließend durch Abbau von Leberglykogen — das reicht bei Ruhe in etwa einen Tag. Nach etwa 18–24 Stunden steigt die Gluconeogenese an: die Leber baut aus Aminosäuren (aus Muskelabbau), aus Lactat und aus Glycerin neue Glukose. Dabei verändert sich das Hormonmilieu: Insulin sinkt, Glukagon, Adrenalin und Cortisol steigen, was den Proteinabbau in den Muskeln fördert. Bei längerem Fasten schaltet die Leber verstärkt auf Ketogenese um — aus Fettsäuren entstehen Ketonkörper (z. B. ß-Hydroxybutyrat), die das Gehirn mit Energie versorgen und so den weiteren Proteinverlust verlangsamen. Damit Aminosäuren als Brennstoff genutzt werden können, müssen körpereigene Proteine aktiv über Proteasomen und Autophagie abgebaut, die Aminosäuren ins Blut freigesetzt und in Leber oder Niere deaminiert werden — alles gesteuert durch die beschriebenen hormonellen Signale.

 

Quantitativer Vergleich: ATP-Ausbeute — exemplarische Rechnungen (schrittweise)

Ich nehme klassische Näherungswerte (NADH → 2,5 ATP, FADH₂ → 1,5 ATP); die angegebenen ATP-Zahlen sind deshalb theoretische Schätzwerte und können durch zelluläre Shuttle-Mechanismen etwas variieren. Bei der vollständigen Verbrennung einer Glukose werden in Glykolyse, bei der Umwandlung von Pyruvat zu Acetyl-CoA und im Citratzyklus verschiedene NADH, FADH₂ und direktes ATP/GTP gebildet, die in der Atmungskette etwa zusammen rund 32 ATP pro Glukosemolekül ergeben (je nach Rechenweise ~30–32 ATP). Eine typische Fettsäure wie Palmitinsäure (16 C-Atome) wird zuerst in mehreren β-Oxidationszyklen in 8 Acetyl-CoA zerlegt; nach Berücksichtigung der für die Aktivierung nötigen 2 ATP ergibt das insgesamt ungefähr 106 ATP für ein Palmitat-Molekül. Eine einzelne glucogene Aminosäure wie Alanin wird erst zu Pyruvat und dann zu Acetyl-CoA umgebaut — das liefert in Summe grob 12,5 ATP pro Alanin. Rechnet man die Energie pro Kohlenstoffatom, liegt Glukose bei etwa 5,3 ATP/C, Palmitat bei 6,6 ATP/C und Alanin bei 4,2 ATP/C.


Was das praktisch bedeutet im Hungersfall

Kurz gesagt: Proteine können zwar als Energiequelle dienen, bringen aber deutliche Nachteile mit sich. Wenn der Körper eigenes Protein als Brennstoff verwendet, bedeutet das Abbau von funktionellem Gewebe wie Muskeln und Organen, was die Leistungsfähigkeit und lebenswichtige Abläufe beeinträchtigt. Bei der Verwertung entsteht Ammoniak, das in der Leber zu Harnstoff umgewandelt werden muss — dieser Prozess kostet Energie (etwa 4 ATP pro gebildetem Harnstoff) und verringert damit die netto verfügbare Energie. Viele Aminosäuren werden außerdem zur Glukosebildung genutzt (gluconeogenetisch), und die Gluconeogenese selbst benötigt Energie (ungefähr 6 ATP, um aus zwei Pyruvatmolekülen eine Glukose herzustellen). Deshalb bleibt vom Energiegewinn aus Proteinen weniger übrig als bei der direkten Verbrennung von Fetten. Aus diesem Grund greift der Körper bei längerem Fasten vorrangig auf Fettreserven zurück und stellt Ketonkörper bereit, um den Proteinverlust zu begrenzen; erst wenn die Fettreserven aufgebraucht oder unzureichend sind, steigt der Proteinabbau stark an und führt zu Muskelverlust bei längerer Unterernährung.

Was hat es mit den Mythen auf sich?

Auf Basis des physiologischen Verständnisses des Proteinstoffwechsels lassen sich die eingangs genannten Mythen fundiert widerlegen:


Mythos 1: Das kurze "anabole Fenster"

Das vermeintlich kurze "anabole Fenster" ist in Wirklichkeit ein mehrere Stunden, ja sogar bis zu 24 Stunden, langes Zeitfenster, in dem die Muskeln für die Aufnahme von Aminosäuren sensibilisiert sind. Die Wissenschaft zeigt, dass der entscheidende Faktor für Muskelaufbau und -regeneration nicht das exakte Timing einer Proteinaufnahme, sondern die Gesamtmenge an Protein ist, die über den Tag verteilt konsumiert wird. Ein ausgewogenes Abendessen, das Protein enthält, kann beispielsweise die Regeneration über Nacht unterstützen.


Mythos 2: Mehr Protein bedeutet automatisch mehr Muskeln

Protein ist nur der Baustoff, nicht der Bauleiter. Muskelwachstum ist ein synergistischer Prozess, der eine Kombination aus ausreichender Proteinzufuhr und einem mechanischen Reiz durch Krafttraining erfordert. Ohne das Training wird überschüssiges Protein nicht in Muskelgewebe umgewandelt, sondern stattdessen zur Energiegewinnung genutzt oder in Körperfett umgewandelt.


Mythos 3: Hoher Proteinkonsum schädigt die Nieren

Diese Annahme ist eine Verallgemeinerung, die in dieser Pauschalität nicht zutrifft. Bei gesunden Personen mit intakten Nierenfunktion verursachen selbst höhere Proteinmengen (bis ca. 2,0 g/kg Körpergewicht pro Tag) keinen Schaden, solange auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr geachtet wird. Jedoch sollten Personen mit vorbestehenden Nierenerkrankungen (z. B. aufgrund von Diabetes) einen hohen Proteinkonsum vermeiden und ärztlichen Rat einholen.


Mythos 4: Pflanzliches Protein ist minderwertig

Obwohl tierisches Protein oft eine höhere "biologische Wertigkeit" aufweist, da sein Aminosäurenprofil dem des Menschen ähnlicher ist, sind pflanzliche Proteine keineswegs minderwertig. Eine abwechslungsreiche pflanzliche Ernährung, die verschiedene Proteinquellen kombiniert (z. B. Getreide mit Hülsenfrüchten), kann alle essentiellen Aminosäuren liefern und bietet darüber hinaus wertvolle Ballaststoffe und ungesättigte Fette, die in tierischen Produkten fehlen. Studien zeigen keine signifikanten Unterschiede in der Wirkung von pflanzlichen im Vergleich zu tierischen Proteinen, wenn der gesamte Ernährungsplan ausgewogen ist.


Mythos 5: Man kann nur ~20–30 g Protein pro Mahlzeit aufnehmen

Die Aufnahme (Verdauung/Transport) läuft weiter; allerdings erreicht die muskelproteinsynthetische Antwort bei jungen Erwachsenen eine Sättigung bei ~20–40 g, abhängig von Alter, Körpermasse und Aktivitätszustand. Überschüssige Aminosäuren können für Energie genutzt oder anderweitig verwertet werden. Konzentriere dich auf angemessene Portionen mit ~20–40 g Protein pro Mahlzeit als Richtwert, besonders nach dem Training; große Mengen sind nicht schädlich, aber nicht zwingend effizienter und können in Einzelfällen auch Verdauungsprobleme verursachen..


Mythos 6: Protein macht dick / wird direkt in Fett umgewandelt

Überschüssige Kalorien jeder Art können als Fett gespeichert werden, aber die Umwandlung von Protein zu Körperfett (de novo lipogenesis) ist energieaufwendig und ineffizient. Meist wird überschüssiges Protein zuerst zur Energie verbrannt oder für andere Zwecke verwendet. Trotzdem: ein großer Kalorienüberschuss mit viel Protein kann langfristig zu Fettzunahme führen. Protein hilft oft sogar beim Sättigungsgefühl; trotzdem zählt die Gesamtkalorienbilanz für Gewichtszunahme.


Mythos 7: Proteinpulver sind notwendig, um Muskeln aufzubauen

Proteinpulver sind praktisch und bequem, aber keine Bedingung. Ganze Nahrungsmittel (Fisch, Hühnchen, Eier, Hülsenfrüchte, Milchprodukte) liefern ausreichend Protein und Nährstoffe. Pulver sind nützlich, wenn die Ernährung allein die Menge nicht deckt oder wenn es schnell gehen muss. Nutze Pulver als Ergänzung, nicht als Pflicht; priorisiere echte Lebensmittel.


Mythos 8: Hohe Proteinzufuhr führt zu Dehydratation und Knochenabbau

Erhöhter Proteinabbau führt zu etwas mehr Harnstoff- und Kalziumausscheidung, aber Studien zeigen keinen langfristigen Knochenabbau bei ausreichender Calciumaufnahme. Vielmehr können Proteine Knochenstärke unterstützen (unter bestimmten Bedingungen). Flüssigkeitszufuhr leicht erhöhen bei sehr hoher Proteinzufuhr ist vernünftig, aber eine allgemeine Dehydratation ist kein zwingender Effekt. Trinke genug, achte auf Calcium/Vitamin D — Angst vor Knochenschwund ist meist unbegründet.


Mythos 9: Nur Whey/animalisches Protein enthält genug Leucin für Muskelaufbau

Whey hat viel Leucin und wirkt stark anabol, aber pflanzliche Proteine können durch Kombination oder größere Portionen die nötige Leucin-Schwelle erreichen. Auch einzelne pflanzliche Proteine (Soja, Erbse) sind ziemlich leucinhaltig. Wenn du pflanzlich isst, achte auf Portionen und Vielfalt — ggf. gezielt Leucin (oder ein hochwertiges pflanzliches Proteinpulver) ergänzen.


Mythos 10: Übermäßiges Protein ist schädlich für die Leber

Die Leber ist zentral für Aminosäurestoffwechsel und Harnstoffsynthese; bei Gesunden führt erhöhte Proteinzufuhr nicht zu Leberversagen oder Schädigung. Probleme treten eher bei bestehenden Lebererkrankungen auf. Ohne Lebererkrankung besteht keine allgemeine Gefahr; bei Verdacht auf Leberprobleme ärztlich abklären.


Worauf ist nun bei Proteinen zu achten?

Eine ausgewogene Herangehensweise an die Proteinaufnahme erfordert die Berücksichtigung von individuellen Bedürfnissen und Zielen, anstatt sich auf pauschale Empfehlungen zu verlassen.


Menge (Mindestbedarf, Muskelerhalt, Muskelaufbau)

Der tägliche Proteinbedarf variiert je nach Lebensstil und Ziel.

Zielgruppe

Empfehlung

Quelle

Durchschnittliche Erwachsene

0,8 g/kg Körpergewicht/Tag

DGE, Nationale Akademien der Medizin

Sportler:innen

1,2–2,0 g/kg Körpergewicht/Tag

DGE, Journal of the International Society of Sports Nutrition

Ältere Erwachsene (ab 65)

ca. 1,0 g/kg Körpergewicht/Tag

DGE, Verbraucherzentrale

Schwangere/Stillende

1,1–1,3 g/kg Körpergewicht/Tag

TK

Es ist entscheidend zu betonen, dass eine Erhöhung der Proteinzufuhr nur in Kombination mit einem entsprechenden Trainingsreiz zu Muskelwachstum führt. Ohne den mechanischen Stimulus des Trainings können auch hohe Proteinmengen nicht zu zusätzlicher Muskelmasse beitragen.


Altersbedingt

Mit zunehmendem Alter neigt der Körper dazu, Muskelmasse abzubauen, ein Phänomen, das als Sarkopenie bekannt ist. Um diesem altersbedingten Muskelschwund entgegenzuwirken und die körperliche Funktion sowie die Knochengesundheit zu erhalten, ist der Proteinbedarf bei älteren Menschen tatsächlich höher als bei jüngeren, nicht-aktiven Erwachsenen. Eine Zufuhr von 1,0 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag wird empfohlen.


Zeitpunkt

Der wichtigste Aspekt des Timings ist nicht das kurze post-Workout-Fenster, sondern die gleichmäßige Verteilung der Proteinzufuhr über den Tag. Die Aufnahme von Protein in 3-4 Mahlzeiten oder Snacks ist vorteilhafter als die gesamte Tagesmenge in einer einzigen großen Mahlzeit zu konsumieren. Dies verbessert nicht nur die Sättigung, sondern ermöglicht auch eine effizientere Proteinsynthese. Für Sportler kann ein Snack mit langsam verdaulichem Protein vor dem Schlafengehen die nächtliche Regeneration unterstützen.


Kombination (Biologische Wertigkeit, Aminosäurenprofil)

Die Qualität von Proteinen wird durch die "biologische Wertigkeit" bestimmt, die angibt, wie effizient ein Nahrungsprotein in körpereigenes Protein umgewandelt werden kann. Ein Hühnerei dient mit einem Wert von 100 als Referenz. Die biologische Wertigkeit von pflanzlichen Proteinen ist oft geringer, da ihnen in der Regel eine oder mehrere essentielle Aminosäuren fehlen (sogenannte "limitierende Aminosäuren").

Durch eine geschickte Kombination verschiedener pflanzlicher Proteinquellen kann das Aminosäurenprofil jedoch so ergänzt werden, dass die biologische Wertigkeit deutlich steigt.

Proteinquelle A (arm an…)

Proteinquelle B (reich an…)

Beispiele

Hülsenfrüchte (Methionin)

Getreide (Methionin)

Linsen mit Reis, Chili sin Carne

Getreide (Lysin)

Hülsenfrüchte (Lysin)

Mais mit Bohnen, Spätzle mit Linsen

Einfache Tipps

Für die meisten Menschen ist es nicht notwendig, teure Spezialprodukte zu kaufen. Eine ausgewogene Ernährung, die eine Vielzahl von natürlichen Proteinquellen umfasst, deckt den Bedarf in der Regel problemlos ab.


  • Fokus auf Vollwertkost:

    • Tierische Quellen: Magere Milchprodukte (Quark, Griechischer Joghurt), Eier, mageres Fleisch und Fisch sind ausgezeichnete Lieferanten.

    • Pflanzliche Quellen: Hülsenfrüchte (Linsen, Bohnen, Kichererbsen), Nüsse, Samen, Tofu und Pseudogetreide wie Quinoa und Amaranth bieten ebenfalls eine hohe Proteindichte.

  • Praktische Snack-Ideen für zwischendurch: Die Aufnahme von proteinreichen Snacks zwischen den Mahlzeiten hilft, den Tagesbedarf zu decken und das Sättigungsgefühl aufrechtzuerhalten.

  • Proteinpulver als Werkzeug: Proteinpulver sind kein Muss, können aber ein nützliches Werkzeug sein, um den Bedarf bei erhöhtem Training oder Zeitmangel bequem zu decken. Sie sollten jedoch eine ausgewogene Ernährung mit Vollwertkost nicht ersetzen, da diese auch Ballaststoffe, Vitamine und Mineralien liefert.

Snack

Geschätztes Protein

Griechischer Joghurt (200 ml)

~17 g

Hüttenkäse (1 Becher)

~19 g

Gekochte Eier (2 Stück)

>12 g

Geröstete Kichererbsen (30g)

~11 g

Kürbiskerne (30g)

~8 g

Abschlusswort

Die Analyse zeigt, dass Proteine eine zentrale Rolle für die Gesundheit spielen und in nahezu allen Körperfunktionen unerlässlich sind. Die "Protein Lüge" besteht nicht in ihrer Wichtigkeit, sondern in der überzogenen Darstellung, die sie als die alleinige Antwort auf alle Gesundheitsfragen darstellt. Ein intensiver Fokus auf diesen einen Nährstoff kann dazu führen, dass der Blick für eine ganzheitliche, ausgewogene Ernährung verloren geht.

Das übergeordnete Ziel sollte immer sein, eine Vielfalt an hochwertigen Proteinlieferanten zu sich zu nehmen, die sowohl tierische als auch pflanzliche Quellen umfassen. Es geht darum, das Zusammenspiel aller Makro- und Mikronährstoffe zu verstehen und zu nutzen. Die wahre Stärke einer gesunden Ernährung liegt in ihrer Ausgewogenheit und nicht in der Überbetonung eines einzelnen Nährstoffs. Kombiniert mit regelmäßiger körperlicher Aktivität ist dies der nachhaltigste Weg zu langfristiger Gesundheit und Wohlbefinden.

Hast du weitere Fragen zum Thema Proteine, dann schreib mich gerne auf meinem Instagram oder hier im Kontaktformular an! Du willst eine persönliche Beratung? Dann buche doch einfach direkt einen Termin.


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